09/11/07 - Campus Total, Dortmund
Draußen sind es gerade ungefähr vier Grad und eine Menge Regen und Wind machen diesen Novembertag nicht gerade zum Traum. Seit langer Zeit habe ich erstmals wieder Schwierigkeiten, wie ich diesen Bandtagebucheintrag für das Konzert beim Campus Total in Dortmund verfassen soll. Kritisch – ironisch, übertrieben witzig, langweilig real? Ich bin mir nicht sicher…
Vielleicht fange ich einfach mal mit einem Gespräch zwischen Ulli (Bandfotograf und Edelfan), Matthias (Schlagzeug und Langhaar-Idol) und mir (Gitarre, Stift und definitiv Insomnia) an. Das Gespräch nicht im O-Ton (sonst wäre es ein Audiotagebucheintrag geworden ;-), sondern sinngemäß wiedergegeben:
Ulli und Matthes entdecke ich in der letzten Ecke des Konzertraums eifrig ins Gespräch vertieft. Lokführerstreiks, die bevorstehende Sturmflut und die letzten drei Jahre Monty burns sind die Themen, ihre offen geführten Diskussionsrunde, als ich dazu stoße. Ulli nimmt mich beiseite und erklärt mir seine Theorie für den bevorstehenden Bandcontest. Es gibt drei „Siegerplätze“ zu besetzen. Booking, Beratung, Studioaufnahmen und weiß der Geier was sonst noch sind im Siegerpaket enthalten. Ulli erklärt, dass wir bereits eine Cd und regelmäßig Konzerte haben und für eine Beratung „zu alt“ sein, denn dort möchte man ja formbare und frische, junge Bands auf den glorreichen Weg in die Musikindustrie bringen. Er ist sich demnach ganz sicher, dass Polarstern, Stranded und Black Box die Plätze 1-3 in noch zu analysierender Reihenfolge besetzen werden. Black Box haben sich übrigens schnell im Mai 2007 nach unserem Album benannt und hießen vorher: Cholerik. Matthes und ich haben Ullis weisen Worten andächtig gelauscht und mir persönlich lief sogar einen kurzen Moment lang ein Schauer der Erleuchtung über den leicht behaarten Rücken.
Ich spule vor: Didi das Juryoberhaupt *palimpalim* verkündete gegen 3:10 Uhr (!) das die Bands stranded, Polarbär und Black Box die ersten drei Plätze besetzt haben. Wer jetzt genau welchen Platz gemacht hat weiß ich übrigens nach den acht Stunden (!) auf das Ergebnis warten nicht mehr, spielt aber auch für den Rotwein trinkenden Bandtagebuchlesenden (hallo gender!) keine Rolle… Jedenfalls sehe ich die Lippen von Didi das Ergebnis verkünden und habe einen Ulli in Weihrauch und Goldglitter schwebend vor meinem geistigen Auge. Mir kommen Visionen, dass Ulli vielleicht eine Art moderner Jesus sein könnte, welcher auf die Erde gekommen ist, um den Menschen wieder etwas beizubringen, aber wir sehen es im blass-grauen Alltagsgeschäft einfach wie immer nicht.
Ich schüttel die leicht blasphemischen Gedanken schnell ab und besinne mich darauf, den Monty burns Krempel gen Wagen zu verfrachten. Alle sind irgendwie erschöpft und auch etwas enttäuscht. Kack Wetter, keinen Platz belegt, aber einen sehr geilen Gig gespielt. Die Menge hat getobt, aber nach 30min musste bereits alles wieder vorbei sein, damit keine Wettbewerbsverzerrung auftreten kann. Um 3:11 Uhr erfahre ich dann, dass es sich bei der Veranstaltung um einen NEWCOMER CONTEST gehandelt hat und bin gleich weniger gefrustet.
Den Titel „Newcomerband“ haben wir, Gott sei Dank, bereits seit den letzten Bescheiden der Rentenversicherungskasse abgelegt und so kann ich später in dem Glauben einschlafen, dass es nicht an der Musik, sondern an der Altersstruktur und Perspektive gelegen hat, dass die Jury entscheidet, wie sie entscheidet. Übrigens hätten INSERT COIN aus Recklinghausen meiner Ansicht nach mit weitem Abstand Platz 1 belegen müssen, aber auch auf diese Band scheint Ulli´s Prognose zuzutreffen.
Als ich dann mit Sack und Pack auf dem Campusparkplatz im kalten Regen stehe nehme ich einen entspannten Ulli unter einem Vordach wahr, der: „Na, was habe ich gesagt?“ zu mir sagt und dabei eher amüsiert, als schadenfroh wirkt. Kurz überlege ich ihm meine Ersparnisse für Einsätze beim Pferderennen in die Hand zu drücken, doch besinne mich der 11 Gebote und vermeide das Glücksspiel.
Als die Scheinwerfer des Bandpassats dann endlich die Straßen Wittens bescheinen kommt mir ein Bild zurück in den Kopf, welches für mich hervorragend auf den Abend passt. Eine wahrhaft unschlagbare Metapher, wie ich finde:
Unmittelbar vor unserem Auftritt werde ich gefragt, ob ich Wasser oder Bier auf der Bühne für den Auftritt haben möchte. Asketisch wie ich bin entscheide ich mich für Bühnenwasser und werde mir sicher, dass meine Rockstarkarriere SPÄTESTENS jetzt beendet ist, bevor sie begonnen hat. Zwischen Lied drei und vier dürstet es mich sehr nach dem köstlichen Nass und ich greife zur Flasche. Leider hat da wohl jemand vergessen, den Deckel abzumachen…
Denkt darüber nach ;-)
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