23/06/07 - Kultopia Hagen
Zärtlich werden wir von einer erotischen Frauenstimme geweckt. Wir haben in einem der besten Hotels westlich der Ruhr genächtigt und die Sonne steht bereits senkrecht am Himmelszelt. Der Geruch von frisch gekochtem Kaffee dringt in unsere Nasen und vermischt sich mit der Gewissheit, dass heute endlich das lang ersehnte Konzert im Kultopia in Hagen ansteht. Ein Blick aus den teuren Panoramafenstern verrät, dass unser kostspieliges Equipment bereits von den fleißigen Helfern in den Tourbus verladen wurde. Schwarz glitzernd steht er dort in der Mittagssonne und lädt die vorübergehenden Spaziergänger zum Fotografieren ein.
„Die Presse wartet, sollen wir etwas ausrichten lassen?“ „Wir wollen uns in keine Schubladen stecken lassen, Monty burns hat nichts mit den Simpsons zu tun und Bunkerrock ist eine Erfindung der gottverdammten Privatsender auf der Suche das mediale Sommerloch zu füllen.“ Das mit Edelsteinen verzierte Badezimmer lädt eigentlich zu einer ausgeprägten Morgentoilette ein, aber wir wollen das Frühstücksbuffet nicht warten lassen.
5 Rockmusiker, ein mit teuren Decken verkleideter Tapeziertisch voller europäischer Köstlichkeiten. Rühreier, Blaubeermarmelade, Sylter Mineralwasser mit und ohne, Hornissenhonig und ein aus Ökoschweinen hergestellter Schinken stehen zum Verzehr bereit. Per Mobiltelefon werden die letzten Interviews vor der Abfahrt gegeben um schließlich via Glasaufzug gen Tourbus zu gelangen. Steve und „Iron“ stehen mit Spiegelsonnenbrillen gekleidet vor den Türen und sorgen mit Engelsgeduld dafür, dass das ohrenbetäubende Kreischen der Minderjährigen nicht den kostbaren Gehörgängen schadet. Manni erhebt wie jeden Tourtag lässig zwei Finger zum Friedensgruß und startet mit Tüte im Mundwinkel den Stahlgiganten.
Nur peripher bemerken wir die zahlreichen Plakate und Banner am Wegesrand, denn die On Board Konsolen versüßen die Fahrt entlang der Ruhr ungemein. Über die Boxen lauschen wir den Interaktiv Liedwünschen zur Black Box und vertiefen uns in Super Mario World Rekordversuche. Ein einziges Mal werden wir kollektiv aufgeschreckt, als wir an der Einfahrt zum Kultopia mit lauten Schüssen aus einer alten Kanone begrüßt werden. Nach wie vor scheint die Sonne den Tag zu versüßen und beinahe gelangweilt nehmen wir das „wir sind ausverkauft“ des Veranstalters zur Kenntnis.
Steve und „Iron“ schützen das Eingangsportal und weisen parallel das Fußvolk zu den Soundcheckvorbereitungen an. Die hiesige Presse ist versammelt und muss sich mit einem kurzen Interview über die Bravo Ottowahl zufrieden geben. Während die Vorbands dem Geräuschpegel nach zu urteilen irgendwo im Nebengebäude untergebracht worden sind, thronen wir in einem mit Matratzen ausgekleideten Raum voller Daunenbettdecken. Jedes Bandmitglied hat ordnungsgemäß eine eigene Liege und eine Schale voller kernloser Weintrauben enthalten. Ausgewählte Minderjährige dürfen kurzfristig reichen und nach einer Berührung mit den Zeigefingerkuppen wieder vor das Gebäude weichen.
Die Show ist wie immer brillant. Mad TQ EQ begeistert die schwitzende Menschenmasse mit einem Feuerwerk aus Kompressoren und Delaytricks, spitzfindige Gitarrensoli zischen durch den Raum. Slapeinlagen und ein einbeiniges Doublebassinferno treiben die ersten Reihen dazu, spontan die Hüllen fallen zu lassen. Wir rücken unsere Aidsschleifen zurecht, weisen auf „Deine Stimme für Afrika“ hin und verlassen nach einer kurzen Verbeugung mit einem mörderischen Feedback die schier unendlich große Bühne.
„Die Platte ist europaweit von 0 auf 1 geschossen. Nur in Amerika hat Pink derzeit noch die Nase vorn. Unser Merchpersonal musste aufgrund des unfassbaren Andrangs verdreifacht werden und die GEMA lässt fragen, welche Straßen in München nach uns umbenannt werden sollen.“
*Pöööööööööööööööööööööt*
Ich wache auf und es regnet…
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