15/06/07 - INFAKT FEST 07 - Haus Witten

Während der Regen von draußen massiv gegen meine ungeputzten Fensterscheiben prasselt schreibe ich diese Zeilen des Bandtagebuchs. Noch sind die Eindrücke des gestrigen Konzerts im Innenhof des Haus Witten frisch und müssen daher vor einem möglichen Verblassen festgehalten werden.

Es gibt unwahrscheinliche viele Möglichkeiten für mich, diesen Bandtagebucheintrag zu gestalten. Als Bildergeschichte, als Audiofile, als Videotagebuch oder schlicht per Zettel und Stift. In diesem Fall greife ich zu Keyboard und Maus, denn das scheint mir für den vergangenen Gig das passende Medium zu sein.

Wer aufmerksamer Leser dieser mannigfaltigen Wortfindungsstörungen hier ist weiß, dass dem Thema Wetter im Verlauf der Bandgeschichte gerade bei open-air Veranstaltungen eine große Bedeutung zugetan wird. Diesmal liefen im Vorfeld bereits Wetten, wie was Wetter wird.

Als ich am Abend vor dem Konzert nach Hause und gen Bett kam strahlte die Sonne vom azurfarbenen Himmel auf Witten herab. Ganz heimlich für mich dachte ich: „Wenn wir morgen so ein Wetter haben, dann wird der Innenhof kochen!“ Mit einem glücklichen Strahlen auf dem Gesicht schlief ich ein und träumte von einem mit Bermudashorts bekleideten Universal Scout, welcher hemmungslos in der ersten Reihe dem Pogo standhielt, um uns prompt nach dem Konzert einen mit silbrig schimmerndem Füller geschriebenen Vertrag unter die verschwitzen Nasen zu halten. Nachdem mich allerdings das zarte Tonsignal meines Funkweckers in die Realität zurückgeholt hatte und ich einen Blick aus dem Fenster (ungeputzt!) werfen musste glaubte ich die scheinbar nutzlose Wahrheit unseres Banddaseins mit einem Schlag erkennen zu können. Ein blauer sich auf meinem Balkon befindlicher Putzeimer war randvoll mit am Morgen vom Himmel vergossenem Regenwasser. Wir sprechen hier aber nicht von Regen. Wir sprechen von sinnflutartigen Ergüssen die ich mal irgendwann im Konfirmandenunterricht mit Noah, ziemlich vielen Tieren und einem Kahn aus Holz in Verbindung gebracht habe.

Mit einem seltsamen Bauchgefühl riss ich die Pflichtstunden Arbeit meines irdischen Lebens ab, um durchnässt (untertrieben!) zum stets wiederkehrenden Einladetermin im Probenraum zu erscheinen. Schnell bemerkte ich, dass ich mal eben über eine Stunde zu früh angekommen war. Was tut man also als kommender Rockstar in solch einer schwierigen Situation. Richtig, man betrinkt sich! Glücklicherweise blieb ich mit meinem Kummer nicht alleine, denn unser BandmischerPlattenaufnehmenMann Martin kam ebenfalls vorzeitig an. Es passierte etwas, was ich mal vorsichtig als „magic moment“ beschreiben möchte. Martin schnappte sich eine schingellige Akustikgitarre und spielte ein paar Klassiker der Rock- und Popgeschichte. Vom holländischen Dosenbier zur Hemmungslosigkeit getrieben stimmte ich per „Gesang“ ein. Das Besondere an der Sache: Martin spielte die bekannten Hits und ich sang einfach andere Hittexte darüber. Wahnsinn, oder?

Hier ein paar Beispiele:

Gitarre: Sweet home Alabama
Gesang: I’ve been looking for freedom

Gitarre: Knocking on heavens door
Gesang: Weine nicht, wenn der Regen fällt

Gitarre: Boys don´t cry
Gesang: I will always love you

Ganz ehrlich Leute! Versucht das einmal, wenn Ihr Euch deprimiert vorkommt. Es wirkt Wunder. Noch bevor der Rest vom Schützenfest den Raum betreten hatte war meine Stimmung von 0 auf 100 gestiegen und wir konnten alle mit herausgestreckter Brust, aber immer noch verdammt nass, gen Haus Witten fahren. Das die Innenstadt wegen eines Radrennens gesperrt und dadurch alle ca. volles Rohr zu spät am Auftrittsort ankamen interessiert in diesem Zusammenhang nur peripher. Eigentlich ging es mir persönlich nur darum, dieses Wort in diesem Tagebuch zu benutzen ;-)

Über das Konzert selber gibt es eigentlich wenig zu sagen. Wir haben als Band, wie ich meine häufig in letzter Zeit, Vollgas gegeben. Wie immer kam um 17:45 Uhr jetzt nicht die absolute Rock n´ Roll Stimmung im Publikum (auch sehr nass) auf. Wie immer musste ich beim Soundcheck der Snare in fassungslose Gesichter blicken. Wie immer haben wir Cd´s in keiner zweistelligen Zahl verkauft. Wie immer gab es einen sehr engagierten und netten Veranstalter. Wie immer eine sehr nette und eine leider sehr verstrahlte „Mitband“. Wie immer geht der Respekt natürlich an die Musik beider Bands. Nicht wie immer hörte es vor dem ersten offiziellen Akkord auf zu regnen (!!!!) und ebenfalls nicht wie immer gab es ein sehr üppiges Catering in einem mit Parkett bestücktem Backstageraum.

Das soll aber alles nur am Rande interessieren. Die wirklich wesentlichen Dinge passierten nach dem Auftritt. Während man so durch die Reihen flaniert und hier und da über den Auftritt ins Gespräch kommt fallen Sätze und Anmerkungen, die einen als Bandmusiker nachhaltig prägen (keine O-Töne, aber nah an den Originalen ;-)):

„Also echt, Ihr habt mittlerweile wirklich was drauf musikalisch. Ich meine früher war das ja alles ganz große Kacke, was Ihr da fabriziert hat, aber jetzt ist das schon ok. Nur müsste einfach viel mehr „ohohohohohohooooooooooooh“ in die Lieder. Ihr habt doch als Frontmann eine richtige Kesselpauke, der ordentlich Gas geben kann. Tretet dem doch einfach mal in den Arsch und sagt: „Mach mehr ohohohohohooooooooh mit den Leuten.“ Oder Ihr am Background… Ich meine ok, dass sind noch Kinder, aber gröhlen können die doch auch…“

„Ihr solltet dringend mal den Gitarrensound überarbeiten.“

„Niemals HURT als Zugabe, ihr Trottel!“

„Wenn ich ehrlich bin kann ich mit Eurer Musik nicht viel anfangen.“

„Das habt Ihr wirklich toll gemacht.“

„Als ich im Vorfeld erzählte, dass die Monties kommen habe ich ganz oft gehört: „Ok, dann komme ich auch.“

„Pass auf, auf Deinem Bachstagepass steht unten GGGW. Das heißt für Dich gibt es drei Getränke und eine Wurst.“

„Eure neue Cd habe ich mir gebrannt. Ist doch kein Problem für Dich, oder? Fast alle großen Bands sind durch Raubkopien berühmt geworden.“

„Wenn ich Euch in Hagen nächsten Samstag noch einmal sehe gibt es keine Band, die ich öfter gesehen habe.“ „So wie Du aussiehst wird Eure nächste Platte Haarausfall heißen.“

„Du hast mich ja ausnahmsweise nicht angelogen, als Du gesagt hast, dass ich um 17:00 Uhr da sein soll.“

Ich könnte ehrlich gesagt noch stundenlang so weiter schreiben, aber dieser Tagebucheintrag sprengt jetzt bereits die kognitive Leistungsfähigkeit eines interessierten Lesers. Grundsätzlich war ich einfach in der Stimmung, um diesmal diese vielleicht etwas melancholisch geratenen Zeilen so zu verfassen. Aber: Dafür ist ein Tagebuch ja da, oder?

Bis nächste Woche dann…

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tba.